Was tun gegen Stress?

Laut einer Umfrage der Deutschen Gesellschaft für Personalführung DGFP, die ich in einem Fachbeitrag der Zeitschrift „Wirtschaft und Weiterbildung“ (Heft 6/11) gefunden habe, haben 88% der Personalmanager erklärt, dass es in ihren Unternehmen „psychisch beanspruchte“ Mitarbeiter gibt. Psychische Belastungen, man weiß das auch aus Untersuchungen verschiedener Krankenkassen, führen immer häufiger zu Fehlzeiten und es wird erwartet, dass diese Entwicklung sich noch verschärfen wird. Ein besonders hoher Druck scheint dabei auf dem Mittelmanagement zu lasten, das am stärksten von Burn-Out betroffen ist. Sie leiden offenbar am meisten unter dem immensen Erfolgsdruck, dem sie ausgesetzt sind. Das wundert einen nicht, wenn man als Coach zum Beispiel zu hören bekommt, dass einem Abteilungsleiter, der eine einhundertsechzig (!!!) prozentige Zielerreichung vorweisen kann, die Hölle heiß gemacht wird, damit er auf eine hundertachtzig prozentige kommt.

Viele Firmen haben inzwischen damit begonnen, ihren Mitarbeitern Informationen oder Schulungen im Umgang mit Stress anzubieten. Die Mitarbeiter sollen sensibilisiert werden für die Gefahren durch Stress und man erklärt ihnen, was sie tun können, um Stress abzubauen: Sport, dabei in erster Linie maßvolles Ausdauertraining, keine kompetitiven Sportarten, die den Stress eher erhöhen würden, genügend Schlaf, gesunde Ernährung, sorgfältiger Umgang mit Alkohol. Alles ganz hilfreiche Dinge, die natürlich helfen, mit dem vorhandenen Stress vernünftig umzugehen.

Sehr vorausschauende Firmen haben auch erkannt, dass es noch besser ist, ihren Mitarbeitern dabei zu helfen, Stress gar nicht erst entstehen zu lassen durch Methoden der Achtsamkeit, wie es das MBSR (Mindfulness Based Stress Reduction) – Programm bietet. Dabei lernen die Mitarbeiter, den eigenen, hausgemachten Kopf-Kino-Stress zu erkennen und dadurch abzuschalten - Kopf-Kino, das zum Beispiel die beliebten Horror-Filme zeigt „Das Grauen am Arbeitsplatz – wie meine Aufgaben mich zerfleischen“ oder „Mein Chef, der Vampir, es gibt kein Entkommen“ oder „Gib dein Letztes, aber was du auch tust, du wirst es nicht schaffen“.

Solches und ähnliches  Gedanken-Kino verleitet Menschen dazu, etwas zu praktizieren, das sich „Multitasking“ nennt, weil sie die Hoffnung haben, damit schneller und effizienter in kürzerer Zeit mehr zu erledigen, um dadurch mehr Zeit zu haben für noch mehr, das sie erledigen müssen.  Allerdings ist das einzige, was wirklich beim „Multitasking“ herauskommt, dass sie noch mehr Stress haben, weil der Verbrauch an geistiger Energie dadurch so enorm steigt, dass ihre Effizienz drastisch sinkt und die Fehlerhäufigkeit im Gegenzug zunimmt. Aus der Gehirnforschung weiß man inzwischen, dass „Multitasking“ ungefähr so realitätsnah ist wie Siebenmeilenstiefel oder das Spinnen von Stroh zu Gold – keiner kann es (übrigens auch Frauen nicht wirklich, obwohl es von ihnen noch häufiger verlangt wird als von Männern, aber das führt jetzt zu weit…)

Zurück zum MBSR: Achtsamkeitstraining greift nur, wenn der Weg Richtung Burnout noch nicht zu weit beschritten wurde. Ist die Erschöpfung erst einmal ausgeprägt, werden die Übungen, die man im MBSR regelmäßig praktizieren muss, damit es wirkt, nur noch als zusätzliche Belastung empfunden, als Überforderung eines ohnehin schon völlig ausgepowerten Systems. Rechtzeitig eingesetzt zeigt das MBSR aber schon nach vierzehn Tagen Anwendung deutliche Veränderungen bei den Praktizierenden – Veränderungen, die auch von der Umgebung wahrgenommen und rückgespiegelt werden. Teilnehmer berichten immer wieder von der Verblüffung, die sie bei Arbeitskollegen oder in der Familie auslösen, weil sie plötzlich imstande sind, ganz anders auf bestimmte Situationen zu reagieren. 

Die bisher geschilderten Maßnahmen sind gut und richtig und wichtig – sie leiden aber an einem Schönheitsfehler: Sie machen die Lösung des Problems Stress zu einer individuellen! Jeder Einzelne soll sehen, wie er mit seinem Stress umgeht! Aber das reicht nicht! Auch wenn es eine Selbstverständlichkeit ist, dass jeder für sich selbst die Verantwortung übernimmt und so weiter und so fort… Die Firmen haben ebenfalls eine Verantwortung dafür, eine Arbeitsumgebung zu schaffen, die nicht krank macht. Auf der körperlichen Ebene leuchtet das sofort ein: Wenn man Nacht für Nacht auf der falschen Matratze schläft, kann man sich Tag für Tag massieren lassen, man wird trotzdem jeden Morgen mit Kreuzschmerzen aufwachen.

Wenn man den Stress immer nur als Symptom bekämpft, ohne sich einzugestehen, dass man strukturell etwas an der Arbeitsweise verändern muss, wird man keine befriedigenden Ergebnisse erzielen. Dabei ließe sich doch ganz schnell schon etwas erreichen, wenn man zum Beispiel diesem E-Mail-Irrsinn Einhalt gebieten würde. Von einem Manager wird heute erwartet, dass er Mails innerhalb von zwei Stunden beantwortet – mach das mal mit zweihundert Stück, die täglich hereinkommen. Mails machen den, der gezwungen ist, so schnell wie möglich auf sie zu reagieren, zu einem fremdbestimmten Handlanger der Interessen eines anderen. Ich habe eine Frage, deren Beantwortung mir jetzt gelegen käme? – da maile ich doch schnell Kollegen A an, der weiß das. Dass ich Kollegen A damit aus einer wichtigen anderen Aufgabe reiße, ist mir doch egal – ich muss schließlich auch dauernd auf die Anfragen der Damen und Herren B und C reagieren. So beschäftigt man sich weltweit in Büros gegenseitig und behindert sich an der Arbeit. Die Lösung wäre so einfach: man ruft zweimal täglich zu Zeiten, in denen es gut reinpasst, seine Mails ab und nimmt sich jeweils eine halbe Stunde zum Antworten. 

Ein weiterer Punkt sind die sich ständig verlängernden Arbeitszeiten. Es ist kein Staatsgeheimnis, dass, wer länger in der Firma ist, tatsächlich nicht mehr schafft. Im Gegenteil, wer seine Erholungszeiten und Pausen vernachlässigt, der schmälert seine Leistungsfähigkeit. Sicher kann man, wenn Not am Mann ist, mal eine Zeit lang hundertfünfzig Prozent geben – macht man das aber zu lange, sinkt die Leistung immer weiter, die Kreativität geht genauso flöten wie die Konzentrationsfähigkeit und das Entscheidungsvermögen. Glaubt man dann, das durch noch längere Arbeitszeiten ausgleichen zu müssen, ist man in einem Teufelskreis, der geradewegs in den Burnout führt. Mediziner und Biologen wissen, dass unser Hirn nicht grenzenlos belastbar ist, genauso wenig wie unser Körper, alle anderthalb bis zwei Stunden braucht es eine Erholungspause und nach acht oder meinetwegen zehn Stunden am Tag braucht es Ruhe. Gönnt man ihm die, ist es so fit, wie es sein muss, um sein Pensum zu bewältigen – innerhalb einer vernünftigen Zeit. 

Ein weiterer vermeidbarer Stressfaktor ist der Druck, der durch Zielvorgaben ausgeübt wird. Ich erinnere nur an die zu Anfang erwähnten hundertsechzig Prozent! Sogenannte Zielvereinbarungen, die eben meist zu Zielvorgaben degeneriert sind, sind schon lange nichts mehr, was die arbeitenden Menschen aller Hierarchiestufen (außer der obersten vielleicht) begeistert, was sie anspornt und vorwärts treibt – im Gegenteil, Ziele hängen einem wie ein Mühlstein am Hals. Sie sind eine dauernde Drohung und werden nur noch als Druck erlebt. Sie sind zum Teil auch verantwortlich für das bedrohliche Kopf-Kino, das zusätzlich zum realen Leistungsdruck noch den inneren Druck produziert. Auch Angstszenarien, die nur in der Vorstellung stattfinden, veranlassen den Körper, Stresshormone auszuschütten. 

Viel besser wäre es, statt Ziele mit jedem Einzelnen zu vereinbaren nur Abteilungsziele oder Teamziele zu formulieren, sodass man gemeinsam etwas erreichen kann, das nimmt schon sehr viel Stress und fördert zusätzlich das Ergebnis.

Stress ist ein komplexes Geschehen – deshalb muss man ihn auch auf vielen Ebenen angehen, individuell und gesellschaftlich. Firmen, die erkannt haben, dass Stress tatsächlich eine Bedrohung für ihren geschäftlichen Erfolg ist, sollten nicht nur ihren Mitarbeitern Ratschläge und Schulungen geben, sondern auch ihre Arbeitskultur kritisch prüfen. 

Newsletter Juni 2011

Führung im Stress

 

 

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