Tao Jahres-Horoskop

Angeblich ist ja jetzt die besinnlichste Zeit im Jahr und da bin ich vor lauter Besinnlichkeit  auf den Gedanken gekommen, den Lesern des Newsletters mal was ganz Besinnliches zu bieten und da mein Lieblings-Besinnlicher immer noch Laotse ist, habe ich eine Art Jahres-Horoskop für 2012 aus dem „Tao te king“ zusammengebastelt. Das „Tao“, das keiner fassen oder benennen kann, eine Art „Higgs-Boson“ unseres geistigen Universums, das alles zusammenhält, das ist der  SINN, der sinnvolle Weg, der dem Leben des Menschen wahren Wert verleiht – es ist das unmittelbare Erleben, die Erkenntnis, die Einheit in der Vielheit, die Tiefe des Seins – und noch viel mehr, für das es keine angemessenen Worte gibt.  Aber jeder ist eingeladen, in sich selbst nach dem zu suchen, was ihn frei und unabhängig macht. Das kann und sollte man natürlich zu jeder Jahreszeit, aber so ein Jahreswechsel bietet sich doch immer dafür an, sich Zeit zu nehmen für das, was einem wirklich wichtig ist. Und vielleicht findet  sich ja im Folgenden die eine oder andere Anregung.

Januar
Etwas festhalten wollen und dabei es überfüllen: Das lohnt die Mühe nicht.
Etwas Handhaben wollen und dabei es immer scharf halten: Das lässt sich nicht lange bewahren.

Februar
Dreißig Speichen umgeben eine Nabe: In ihrem Nichts besteht des Wagens Werk.
Man höhlet Ton und bildet ihn zu Töpfen: In ihrem Nichts besteht der Töpfe Werk.
Man gräbt Türen und Fenster, damit die Kammer werde: In ihrem Nichts besteht der Kammer Werk.
Darum: Was ist, dient zum Besitz. Was nicht ist, dient zum Werk.

März
Herrscht ein ganz Großer, so weiß das Volk kaum, dass er da ist.
Mindere werden geliebt und gelobt, noch Mindere werden gefürchtet, noch Mindere werden verachtet.
Wie überlegt muss man sein in seinen Worten! Die Werke sind vollbracht, die Geschäfte gehen ihren Lauf, und die Leute denken alle: „Wir sind frei.“

April
Macht selten die Worte, dann geht alles von selbst.
Ein Wirbelsturm dauert keinen Morgen lang, ein Platzregen dauert keinen Tag.
Und wer wirkt diese? Himmel und Erde.
Was nun selbst Himmel und Erde nicht dauernd vermögen, wie viel weniger kann das der Mensch?

Mai
Wer auf den Zehen stet, steht nicht fest.
Wer mit gespreizten Beinen geht, kommt nicht voran.
Wer selber scheinen will, wird nicht erleuchtet.
Wer selber etwas sein will, wird nicht herrlich.
Wer selber sich rühmt, vollbringt nicht Werke.
Wer selber sich hervortut, wird nicht erhoben.
Er ist für den SINN wie Küchenabfall und Eiterbeule, und auch die Geschöpfe alle hassen ihn.
Darum: Wer den SINN hat, weilt nicht dabei.

Juni
Die Welt erobern und behandeln wollen, ich habe erlebt, dass das misslingt.
Die Welt ist ein geistiges Ding, das man nicht behandeln darf.
 Wer sie behandelt, verdirbt sie, wer sie festhalten will, verliert sie.
Die Dinge gehen bald voran, bald folgen sie, bald hauchen sie warm, bald blasen sie kalt, bald sind sie stark, bald sind sie dünn, bald schwimmen sie oben, bald stürzen sie.
Darum meidet der Berufene das Zusehr, das Zuviel, das Zugroß.

Juli
Wer andre kennt, ist klug. Wer sich selber kennt, ist weise.
Wer andre besiegt, hat Kraft. Wer sich selber besiegt, ist stark.
Wer sich durchsetzt, hat Willen. Wer sich genügen lässt, ist reich.
Wer seinen Platz nicht verliert, hat Dauer. Wer auch im Tode nicht untergeht, der lebt.

August
Was du zusammendrücken willst, das musst du erst richtig sich ausdehnen lassen.
Was du schwächen willst, das musst du erst richtig stark werden lassen.
Was du vernichten willst, das musst du erst richtig aufblühen lassen.
Wem du nehmen willst, dem musst du erst richtig geben.
Das heißt Klarheit über das Unsichtbare.
Das Weiche siegt über das Harte. Das Schwache siegt über das Starke.

September
Das Allerweichste auf Erden überholt das  Allerhärteste auf Erden.
Das Nichtseiende dringt auch noch ein in das, was keinen Zwischenraum hat.
Daran erkennt man den Wert des Nicht-Handelns.
Die Belehrung ohne Worte, den Wert des Nicht-Handelns, erreichen nur wenige auf Erden.

Oktober
Wer das Lernen übt, vermehrt täglich. Wer den SINN übt, vermindert täglich.
Er vermindert und vermindert, bis er schließlich ankommt beim Nichtmachen.
Beim Nichtmachen bleibt nichts ungemacht.
Das Reich erlangen kann man nur, wenn man immer frei bleibt von Geschäftigkeit.
Die Vielbeschäftigen sind nicht geschickt, das Reich zu erlangen.

November
Wer seine Person gestaltet, dessen Leben wird wahr.
Wer seine Familie gestaltet, dessen Leben wird völlig.
Wer seine Gemeinde gestaltet, dessen Leben wird wachsen.
Wer sein Land gestaltet, dessen Leben wird reich.
Wer  die Welt gestaltet, dessen Leben wird weit.
Darum: Nach deiner Person beurteile die Person des anderen.
Nach deiner Familie beurteile die Familie des anderen.
Nach deiner Gemeinde beurteile die Gemeinde des anderen.
Nach deinem Land beurteile das Land der anderen.
Nach deiner Welt beurteile die Welt der anderen.

Dezember
Wahre Worte sind nicht schön, schöne Worte sind nicht wahr.Tüchtigkeit überredet nicht, Überredung ist nicht tüchtig.Der Weise ist nicht gelehrt, der Gelehrte ist nicht weise.Der Berufene häuft keinen Besitz auf. Je mehr er für andere tut, desto mehr besitzt er.Je mehr er anderen gibt, desto mehr hat er.Des Himmels SINN ist fördern, ohne zu schaden.Des Berufenen SINN ist wirken, ohne zu streiten.

Renate Dehner

Newsletter Januar 2012

 

 

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