In der September-Ausgabe des "Harvard Business Manager" war unter dem Titel "Wann fair vorgeht" ein sehr interessanter und aufschlussreicher Beitrag darüber zu lesen, wie sich respektvolles Verhalten von Führungskräften auswirkt, und zwar zum einen, was die Einschätzung der Mitarbeiter betrifft und zum anderen, wie sich das auf die Karrierechancen auswirkt.Die Autoren Wiesenfeld, Rothman, Wheeler-Smith und Gallinsky gingen zunächst von der Fragestellung aus "Sollte eine Führungskraft geliebt oder gefürchtet werden?" und werteten dazu die Antworten von mehreren Hundert Führungskräften aus. Im Beitrag steht leider nichts darüber, welche Ergebnisse sie daraus genau ziehen konnten, es führte aber wohl offenbar dazu, dass sie ihre Frage modifizierten zu "Kann man als Führungskraft Respekt erwiesen bekommen und zugleich Macht haben?" Die Nachforschungen ergaben, dass beides zu erlangen schwierig ist.Als Beispiel führen sie den Fall der beiden Manager Hank McKinnell und Karen Katen an, die beide in den 90er Jahren schon Top-Positionen beim Pharmariesen Pfizer besetzten. McKinnell leitete als Finanzchef die internationalen Geschäfte des Konzerns, Katen führte einen der wichtigsten Bereiche des Unternehmens. McKinnell nannte einen durchsetzungsstarken Verhandlungsstil sein eigen, galt als geradlinig und legte manchmal ein eher grobes Verhalten an den Tag. Katen behandelte Mitarbeiter und Kollegen mit Respekt und wurde im Gegenzug ebenfalls respektiert.McKinnell und Katen gehörten beide zu den Top-Kandidaten, als 2001 die Stelle des CEO neu zu besetzen war. Was glauben Sie, wer den Posten bekommen hat? Das ist nicht schwer zu erraten: Angeblich war McKinnell "der Richtige" für diesen Job, weil er "die nötige Härte" besitze.Laut den Autoren beobachteten sie diese Einstellung in unterschiedlichen Branchen und man verwundert sich darüber nicht. Auch bei uns herrscht doch noch immer die Maxime, dass man ein harter Hund sein muss, um es bis ganz nach oben zu schaffen. Wer also Karriere machen will, tut gut daran, die "nötige Härte" möglichst früh unter Beweis zu stellen.Wie hartnäckig sich das Vorurteil hält, dass Macht besitzen und ein respektvoller Umgang mit Untergebenen nicht vereinbar seien, wiesen die Autoren des Harvard-Beitrags auch in einer Laborsituation mit Studenten nach. Jeder Teilnehmer der Studie beobachtete jeweils einen "Manager" dabei, wie er einem "Mitarbeiter" die Entscheidung über sein Gehalt mitteilte, und zwar entweder Manager A oder Manager B. Während Manager A sich beim Gespräch schroff gebärdete, verhielt sich Manager B sehr respektvoll. Die Studenten, die Manager A beobachtet hatten, arbeiteten anschließend in einer Gruppe, die von diesem geleitet wurde, die B beobachtet hatten, arbeiteten in dessen Gruppe.Als Abschluss sollten sie bewerten, wie mächtig der jeweilige Manager in ihren Augen war. Manager A wurde durchgängig für "mächtiger" gehalten als Manager B, und das, obwohl selbstverständlich beide die Studenten während der Gruppenarbeit gleich behandelten. Allein das vorherige Verhalten zu beobachten hatte ausgereicht, um bei den Studenten ein Vorurteil zu erzeugen, dass einer, der freundlich und respektvoll ist, keine Macht besitzen kann. Die Autoren enthalten sich jeglichen Kommentars darüber, wie viel obrigkeitsstaatliches Denken noch in den Köpfen etabliert ist, wie viele geradezu feudal anmutende Muster, sich die Welt und ihr Funktionieren zu erklären, noch vorhanden sein müssen, damit man in einer Studie zu solchen Ergebnissen kommt. Aber es gibt einem doch zu denken… Ist Demokratie nur was für sonntags?Und dann kann man sich gut vorstellen, wie diese Studenten sich verhalten werden, wenn sie einmal in den entsprechenden Positionen sein werden: Wenn Respekt und Macht einander ausschließen, und wenn man Karriere machen will, dann verhält man sich eben besser "bossy" statt respektvoll.Dass diese Einstellung für die Firmen keineswegs gesund ist, weil Firmen eindeutig davon profitieren würden, wenn Manager sich fair und respektvoll verhielten, vergessen die Autoren auch nicht zu erwähnen: "McKinnell wurde 2006 vom Aufsichtsrat zum Rückzug gedrängt, als Reaktion auf die enttäuschende Leistung des Unternehmens. Seine exorbitant hohe Vorruhestandszahlung sorgte hernach für Empörung bei den Aktionären." Irgendwie tröstlich immerhin, dass McKinnells Respektlosigkeit sich nicht nur gegen mehr oder weniger "wehrlose" Mitarbeiter richtete, sondern auch gegen Aktionäre. Aber hat das die "Decision-Maker" ins Grübeln gebracht, dass einer, der rücksichtslos ist, es eben unter Umständen auch gegen sie sein wird? Hmmmm…Eine so "aufrührerische" Frage stellen die Autoren nicht, aber sie kommen doch zu dem Schluss, dass die Unternehmen davon profitieren könnten, wenn sie bei der Beurteilung ihrer Führungskräfte größeren Wert auf Fairness legen würden. Unsere Rede seit Anno Tobak!
Renate Dehner
Newsletter Oktober 2011