Eigentlich sollte die Überschrift „Lesetipps für den Urlaub“ heißen, denn die Bezeichnung „Sommer“ ist dieses Jahr ja leider völlig fehl am Platz. Da es nicht so aussieht, als würde sich daran grundlegend etwas ändern, hat man vermutlich an vielen verregneten Tagen reichlich Zeit zum Lesen. Wer dafür noch Anregungen braucht, bitteschön, hier meine Tipps:
„Brain at work“ von David Rock ist ein gut zu lesendes Buch darüber, wie Kenntnisse über die Funktionsweise des Gehirns die Organisation und Bewältigung des Arbeitsalltags erleichtern. Er übertreibt es zwar für meinen Geschmack manchmal ein wenig mit der Detailfreude, wie welche Hirnregion genau heißt und wie sie arbeitet, aber dafür hat er eine ganz amüsante Art gewählt, darzustellen, wie man die Erkenntnisse der Neurowissenschaften umsetzen kann. Er schildert nämlich zuerst, wie das Verhalten seiner Protagonisten misslingt bzw. zu unerfreulichen Ergebnissen führt, um sie anschließend dieselbe Situation noch einmal erleben zu lassen, diesmal aber ausgestattet mit dem Wissen, was für ihr Hirn die optimalen Denkstrategien sind und wie sie sie in die Tat umsetzen können. David Rock beschließt jedes Kapitel mit einer kurzen Zusammenfassung und gibt Hinweise, was der Leser ausprobieren kann, um möglichst viel von Nutzen aus dem gerade Gelesenen zu ziehen.
Das Buch wartet, natürlich, möchte man fast sagen, nicht mit so neuen und revolutionären Erkenntnissen auf, wie das die Verlagswerbung darstellt, aber es ist trotzdem empfehlenswert, denn es bringt einen doch auf den einen oder anderen guten, beherzigenswerten Gedanken und ist sehr viel weniger redundant geschrieben, als man das von amerikanischen Autoren sonst gewohnt ist.
So, das war der Teil der Lektüre, um sich langsam von der Arbeit zu entwöhnen. Ist man inzwischen endgültig im Urlaub angekommen, will man jetzt wahrscheinlich auch mal nur noch unterhalten werden. Wer sich einen Nachmittag lang die Lachtränen aus den Augen wischen möchte, dem sei empfohlen zu „Simpel“ zu greifen, einem Buch der wunderbaren französischen Autorin Marie-Aude Murail, die ich nicht genug preisen kann. Ich mochte auch ihre anderen Bücher sehr gern, ganz besonders das leider noch nicht auf Deutsch erschienene „Papa et Maman sont dans un bateau“, aber der „Simpel“ ist absolut mein Liebling. Es ist eine sehr warmherzige, intelligente Geschichte über zwei Brüder, die gar nicht immer lustig ist, aber trotzdem mit so viel Witz ausgestattet, dass ich manchmal vor Lachen nicht weiterlesen konnte.
Für Fantasy-Freunde habe ich auch noch einen Tipp, denn einigermaßen gute Fantasy-Literatur ist rar, finde ich. Mir hat die „Mistborn“ – Trilogie von Brandon Sanderson gut gefallen. Die Geschichte ist klug ausgedacht, die Charaktere wirken lebendig, und spannend ist es auch. Es gibt zwar auch ein paar vermeidbare Längen, etwa wenn die Wirkungsweise der Zauberkräfte, der sich die Helden bedienen, viel zu ausführlich dargestellt wird, aber das kann man ganz prima überblättern, ohne den Anschluss an die Handlung zu verlieren.
Und zum Schluss möchte ich noch auf einen Klassiker aufmerksam machen, der ebenfalls eine herrliche Urlaubslektüre ist, das ist der „Ekkehard“ von Viktor von Scheffel. Dieses Werk ist zwar zirka hundertfünfzig Jahre alt, aber das schadet ihm überhaupt nicht, es ist weder verstaubt noch vorgestrig, sondern besitzt einen zeitlosen Charme, der einfach Spaß macht. Die Geschichte um den Mönch Ekkehard und seine „education sentimentale“ ist rund um den Bodensee angesiedelt und schildert das Leben vor etwa tausend Jahren, es geht um Liebe und Leidenschaft, Intrigen und Kämpfe, ist spannend, komisch, hintersinnig und einfach toll geschrieben – ein „Schmöker“ der Extraklasse.
Und jetzt: Schöne Ferien und möge es recht viel regnen, damit man Zeit hat zum Lesen!
PS: Wer unbedingt seinen Verstand trainieren möchte: „Du musst dein Leben ändern“ von Peter Sloterdijk. Hard stuff – für mich jedenfalls, aber absolut lohnenswert.
Renate Dehner
Newsletter August 2011