Eine lange Reise beginnt mit dem ersten Schritt

"Aber wissen Sie, was noch mit dem ersten Schritt beginnt? Ein schlecht geplanter Spaziergang, den Sie schon nach wenigen Minuten abbrechen". Diese erfrischende Ergänzung des gern zitierten Klischees aus der Überschrift findet sich in dem sehr lesenswerten Buch "Switch – Veränderungen wagen und dadurch gewinnen" von Chip und Dan Heath, erschienen im Scherz Verlag. Die beiden Brüder beschreiben sehr unterhaltsam und sehr inspirierend, welche Muster gelungenen Veränderungen zugrunde liegen. Es geht dabei um Veränderungen auf jeder Ebene, persönliche, betriebliche und gesellschaftliche und sie bieten zahlreiche Beispiele an, wie es Menschen geglückt ist, trotz widriger Bedingungen drastische Veränderungen in die Wege zu leiten, außerdem zitieren sie eine stattliche Reihe wissenschaftlicher Untersuchungen, die ihre Thesen belegen.

Gleich eine der ersten Studien, die sie schildern, fand ich außerordentlich beruhigend. So haben Forscher wohl inzwischen in einer Vielzahl an Experimenten herausgefunden, dass Selbstkontrolle eine sich erschöpfende Ressource ist. Dank häufiger Auseinandersetzungen mit meiner Willenskraft hatte ich den Verdacht auch schon länger, konnte ihn aber natürlich nicht wissenschaftlich zweifelsfrei belegen. Aber jetzt ist es bestätigt und ich zitiere "Was wie Faulheit aussieht, ist oft Erschöpfung". Erschöpft ist nämlich mein "Reiter", das ist der Teil in mir, der für die rationalen Entscheidungen und Vorhaben zuständig ist und die Zügel führt - allerdings sitzt dieser Reiter auf einem "Elefanten", das ist die emotionale Seite. Und dass es für so ein kleines Reiterlein gar nicht leicht ist, diese Riesenmasse Elefant in Bewegung und dann auch noch in die richtige Richtung zu bringen, das leuchtet ein, oder? "Jedes Mal, wenn der sechs Tonnen schwere Elefant und der Reiter sich uneinig sind, in welche Richtung sie gehen sollen, wird der Reiter verlieren. Der Elefant ist ihm weit überlegen."

Deswegen braucht er aber nicht kapitulieren, also Zügel aus der Hand geben, runter vom Elefanten und ihn  mit einem freundlichen Klaps auf den Hintern einfach laufen lassen. Nein, man kann sich, dafür ist man ja der schlaue Reiter, was überlegen. Was das alles sein kann, haben die Autoren in den drei Hauptkapiteln "Weisen Sie dem Reiter die Richtung", "Motivieren Sie den Elefanten" und "Ebnen Sie den Weg" beschrieben. Das liest sich, wie gesagt, sehr unterhaltsam und regt sehr zum Nachdenken an, ist aber oft gar nicht so leicht, wenn es darum geht, sich Handlungsmöglichkeiten für den eigenen Alltag daraus ableiten zu wollen. Kreative Lösungen, die zu tollen Ergebnissen geführt haben, hinterher, wenn es geklappt hat, zu beschreiben, ist eben einfacher, als sich vorher darüber im Klaren zu sein, was jetzt zu tun wäre und womit man seinem Ziel näher käme. So war ich auch zugegebenermaßen überfordert damit, die kleinen Denksportaufgaben zu lösen, die die Autoren "zur Auflockerung" in ihren Text eingebaut haben, aber das mag anderen Lesern ja vielleicht anders gehen. Ich finde das Buch trotz dieser Einschränkung absolut lesenswert!

Was ich jedoch nicht behaupten kann von einer Lektüre-Empfehlung, die Dan und Chip Heath geben. Sie legen ihren Lesern wärmstens das Buch „"Selbstbild: Wie unser Denken Erfolge oder Niederlagen bewirkt" von Carol Dweck ans Herz. Verführt durch den interessant klingenden Titel und die Zitate aus dem "Switch"-Buch, habe ich mir auch dieses Werk zu Gemüte geführt und finde es zu großen Teilen unverdaulich. Die wesentliche Erkenntnis von Carol Dweck besteht darin, dass ein statisches Selbstbild von Übel und ein dynamisches Selbstbild der Garant dauerhaften Glückes in allen Lebensbereichen ist und das Ganze kulminiert in der Maxime "Verlass dich nicht auf dein Talent sondern streng dich an, arbeite hart und glaube an deine Fähigkeit, dich zu verändern und du wirst erfolgreich sein." Da das alles ein bisschen mager ist und vermutlich auf einer Din-A-4-Seite Platz gehabt hätte, sie aber 280 eng beschriebene Seiten füllen wollte (ich nehme an, das hat der Verlag von ihr erwartet), reiht sie in ermüdender Weise ein Beispiel ans andere, die alle auf das gleiche hinauslaufen: siehe oben. Man hätte es eigentlich spätestens nach dem dritten Beispiel kapiert gehabt, aber sie lässt noch gefühlte dreitausend weitere folgen. Ich will damit gar nichts gegen die Segnungen eines dynamischen Weltbildes sagen, aber was man darüber wissen muss, erfährt man schon aus "Switch", Dweck auch noch zu lesen, ist in meinen Augen Zeitverschwendung. Das nur zur Warnung – es sei natürlich jedermann unbenommen, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Was die anderen Literatur-Empfehlungen der Brüder betrifft kann ich nichts sagen, so weit bin ich noch nicht - da kann also durchaus ein Juwel dabei sein.

Renate Dehner

Newsletter November 2011

 

 

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